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Das schönste Mädsche von Alsfeld

written by leastreisand 25. Februar 2018

Omilein war meine Urgroßmutter väterlicherseits. Sie hieß eigentlich Mathilde Köhler, geborene Dern, wurde Tilly genannt und war 1900 geboren worden. Das war sehr praktisch. So wusste man immer, wie alt sie war.

In ihrer Jugend war Omilein „das schönste Mädsche von Alsfeld“ gewesen, wie sie niemals müde wurde zu betonen.

„Ich war das schönste Mädsche von Alsfeld!“ rief sie in weichem Hessisch, das sie auch noch sprach, als sie mehr als drei Viertel ihres fast hundertjährigen Lebens in Berlin gelebt hatte, und zeigte auf die ovale Portraitfotografie eines pausbäckigen Mädchens im Halbprofil. „1914“ stand in Omileins verschnörkelter Handschrift am unteren Bildrand.

Anfang der 1920er Jahre war die junge Tilly mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Georg Köhler, genannt „Schoschl“, aus der hessischen Provinz nach Berlin gekommen. Nach Charlottenburg. In ein Mietshaus, das so herrschaftlich war, dass ich mir als Kind immer schon auf der Straße die Schuhe ausziehen wollte, um den Ostberliner Dreck unter meinen Fußsohlen nicht über diese feine Schwelle zu tragen. Im Hausflur hingen Spiegel zwischen nackten Nymphen aus Stein und das Treppenhaus wand sich um einen quadratischen Drahtkäfig, in dem ein hölzerner Fahrstuhl bis in den vierten Stock führte.

Omilein war eine richtige Westberlinerin. Sie kaufte Hüte im KaDeWe und ihre Butter bei Butter Lindner und hatte die Gedächtniskirche abgeschlossen an dem Abend, bevor sie zerstört wurde. Behauptete sie jedenfalls.

Ihr Mann hatte einen Direktorposten in einer jüdischen Firma für Polsterwaren.

„Polterwaren“, sagte mein Vater.

Als Goebbels 1943 den „Totalen Krieg“ ausschrie, schleifte Omilein den Schoschl zum Notar und ließ testamentarisch festhalten, dass, falls ihm etwas zustieße und sie wieder heiratete, das gesamte Vermögen ans Rote Kreuz fallen sollte.

„Um Gottes Willen!“, rief Schoschl.

„Machen Sie sich nicht unglücklich!“, rief der Notar.

Aber Omilein ließ sich nicht beirren.

Schoschl starb ein Jahr später. An Lungenentzündung. Und meine Urgroßmutter war Witwe. Mit 44 Jahren.

In Omileins Wohnung in Charlottenburg stand ein Eichentisch, der war so groß, dass eine zehnköpfige Familie daran hätte Platz finden können. Ein Relikt der mit dem Schoschl verstorbenen Zukunftspläne.

Omilein wurde Mutter. Hauptberuflich. Sie verwendete ihre gesamte Energie und all ihre Fürsorge für jetzt und immerdar auf ihre einzige Tochter, meine Großmutter, die damals schon zwanzig Jahre alt war und für den Rest ihres Lebens versuchen sollte, sich aus der übermütterlichen Würgeumarmung zu befreien.

Als Omilein 1997 starb, hatte die Tochter seit vier Jahren den Kontakt abgebrochen.

Ich habe Omilein oft besucht nach der Wende. Es gab nicht viele Kinder in meiner Umgebung, die eine Westoma vorzuweisen hatten, noch dazu eine West-Uroma. Dann guckten wir zusammen Rudi Carell und aßen Hefeklöße mit geschmolzener Butter und Zimt.

Das ovale Portrait mit dem Titel „1914“ steht heute in meinem Regal. Manchmal gucke ich es an und wundere mich, wo die Zeit hin ist.


Der Text erschien zuerst am 17.2.2018 im Magazin der Berliner Zeitung in der Rubrik „Berliner Ensemble“.

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