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Mutta

21. Februar 2020
Lea-Baby mit Mütterchen

Kinderkriegen ist krass. Eben warste noch Mensch. Und plötzlich biste Mutter. Oder Vater. Oder Oma. Je nachdem. Kein Arsch interessiert sich mehr dafür, wie es dir geht. Inklusive dir selber. Weil sich alles nur noch um dieses Würmchen dreht. Ob es schläft, kackt, rülpst, trinkt oder pupst. Die eigene Lebenserhaltung gerät zur kompletten Nebensache.

Ich weiß jetzt auch, warum bei diesem Notfallballett, das die Stewardessen im Flugzeug vor dem Start immer tanzen, warum die da immer sagen, man solle „im unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlustes in der Kabine“ zuerst sich selbst eine Sauerstoffmaske überziehen und dann anderen helfen.

Ich habe die ersten zehn Tage in meinem neuen Leben als Mutter nicht geschlafen. Gar nicht! Bin höchstens vor Erschöpfung mal kurz weggenickt, bevor die Panik mich wieder aus dem Schlaf riss. Weil das Baby ein Geräusch gemacht hat. Oder weil es keins gemacht hat. Oder sich bewegte. Oder auch nicht. Man macht sich keine Vorstellung davon, zu wieviel Angst und Sorge um ein anderes Wesen ein einzelner Mensch fähig ist, bevor man selbst so was hat. 

Als ich damals krank war vor sieben Jahren, bekamen plötzlich alle um mich herum Babys. Und ich weiß noch, wie Paul und ich immer ungläubig in die dunkellilanen Augenringe der jungen Eltern blickten und dachten: „Meine Fresse, sehn die Scheiße aus! Und wir dachten, wir hätten grad ne anstrengende Zeit!“ 

Meine Mutter hat immer gesagt: „Wenn du selber ein Kind kriegst, bist du erwachsen. Von jetzt auf gleich.“

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich kenne genug Menschen, die Kinder bekommen haben, ohne dadurch zu sonderlich verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft geworden zu sein. 

Aber es gibt diesen Moment, wo du dich fühlst, als würdest du gerade auf Stöckelschuhen über ein Drahtseil balancieren, unter dir der Abgrund, in dem Abgrund glühende Lava, hinter dir dein brennendes Haus, vor dir: Keine Ahnung! Und dann legt dir jemand so ein kleines Würmchen in die Hand, eher Alien als Mensch, mit durchsichtiger Haut und geschlossenen Augen, das eher fiept als schreit und nicht mehr wiegt als drei Tüten Mehl. Und dann sagt man dir: „So. Da passen Se jetz ma bitte drauf auf. Die nächsten achtzehn Jahre. Nich fallen lassen. Nich draufsetzen, regelmäßig füttern und generell einfach am Leben halten. Ach ja, und übrigens. Da kommt ein brennendes Flugzeug direkt auf Sie zu. Wir sind dann weg. Viel Spaß!“ 

Und dann wundern sich Leute, dass man Augenringe hat.

Foto: Lea-Baby mit Mütterchen

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