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Das ist der Fernsehturm!

Montagmorgen. Unsere Küche. Das Radio läuft. Werbung für dieses kalifornische Homesharing-Portal. Sie lassen jetzt Berliner ihre eigenen Wohnungen anpreisen. Zumindest soll es so klingen. Ganz authentisch. Ein Charlottenburger erzählt in astreinem Hannoveraner Hochdeutsch, er empfehle seinen Gästen Restaurants. „Die fahren dann mit einer Plauze wieder nach Hause. Aber das ist doch ein schöneres Souvenir als so ein doofer Plastik-Alex.“

Ich stutze. „Was ist denn ein Plastik-Alex?“, murmele ich. Gibt es einen Lego-Bausatz „Alexanderplatz“? Oder ist das eine Schneekugel mit Kaufhof, Weltzeituhr und Fernsehturm?

Ich lasse das Messer sinken, mit dem ich mir gerade eine Stulle schmieren wollte. Mir schwant etwas.

„Paul!“ rufe ich. „Samma, hat der Typ in der Werbung den Berliner Fernsehturm gerade Alex genannt?!“

„Ach so“, antwortet Paul. „Ich hatte das neulich schon gehört und nicht mal verstanden, was der überhaupt meinte.“

Ich bin fassungslos. Arbeiten Werbeagenturen wirklich so schlampig?

Ich weiß, dass manche Touristen den Fernsehturm tatsächlich bei dem Namen nennen, den der Platz auf der anderen Seite der S-Bahn-Trasse 1805 anlässlich eines Besuches des russischen Zaren Alexander I. erhielt. Selbst, wer das nicht weiß, sollte sich, sofern er seine Schulzeit nicht komplett verschlafen hat, zumindest wundern, wie ein in den 1960ern gebauter Turm Namensgeber für einen Roman sein kann, den Alfred Döblin in den 1920ern veröffentlichte.

Ist es bloße Ignoranz, die dem Turm den Personennamen überhilft? Unüberlegtheit? Oder hat es damit zu tun, dass der Fernsehturm das Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR war und nun das Wahrzeichen der bundesdeutschen Hauptstadt ist und deshalb anders heißen muss?

Ich hatte eine Diskussion mit einer Frau auf Twitter, die ab dieser Stelle nicht mehr mit mir reden wollte. Beim Thema DDR verstehen die Leute keinen Spaß. Besonders einige westdeutsche zugezogene Berliner offensichtlich nicht. Die Dame argumentierte mit der Veränderlichkeit von Sprache. Sie kenne viele zugezogene Schwaben und Franken, die das sagten.

Ist die Radiowerbung für das Homesharing Portal also gar nicht falsch, sondern im Gegenteil sehr gut recherchiert, da sie genau die Arroganz der Leute zeigt, die glauben, ihnen gehöre die Welt, deshalb dürften sie sie auch neu benennen?

„Alex“ ist ein Eigenname. Das lässt sich nicht diskutieren.

Wenn ich „auf dem Alex“ stehe, dann befinde ich mich auf dem Platz, auf dem am 4. November 1989 die Demonstration stattfand, die die Wende besiegelte, mit bis zu einer Million Menschen, die an genau diesem Ort standen, dessen größenwahnsinnige Bombastigkeit zum ersten Mal seit der realsozialistischen Erweiterung eine Funktion hatte.

Auf den Fernsehturm, welcher selbst übrigens „am Alex“ und gar nicht drauf steht, hätten die nämlich gar nicht alle raufgepasst. Dann wäre der einfach umgefallen.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin der Berliner Zeitung vom 8./9.12.2018 unter der Rubrik Berliner Ensemble.

2 comments

Norma Praus 7. Januar 2019 at 6:11

Dieser Text kam heute morgen auf Radio Eins. Danke! Endlich! Seit Wochen leiden wir bei diesem Werbespot!

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Irafiw 12. März 2019 at 8:07

Ja, so eine ähnliche Situation erlebte ich auch. Im Radio lief die Webung und beim ersten Anhören dachte ich, „Was ist denn ein Plastik-Alex?“. Selbst ein „Plaste-Alex“ hätte mein Unbehagen dieser Werbung zuzuhören nicht verbessert. Der nächste Gedanke war, ohje die meinen doch nicht etwa den Fernsehturm? Klar es gibt in diversen Touri-Läden diese Fersehtürme aus Plaste bzw. Plastik. Aber wer nennt die bitteschön Plastik-Alex?
Klar gibt es Fersehtürme mit eigenem Namen, wenn man es so nennen möchte. Rheinturm, Olympiaturm sind Beispiele, aber der Stuttgarter Fernehturm heißt auch nicht Plastik-Dergerloch im Souvenirladen. Oder?

Ich habe in meinem Umfeld gefragt, ob jemand den Plastik-Alex kennt. Da gab es lustige Antworten…Fernehturm, war nicht dabei.

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