Home Blog Blümi hinter der Mauer. Eine Berliner Geschichte.

Blümi hinter der Mauer. Eine Berliner Geschichte.

written by leastreisand 3. Februar 2018

Blümi war das Kindermädchen meiner Mutter und meiner Tante. Eigentlich hieß sie Erna Blumental. Sie wohnte in einer Souterrainwohnung in Kreuzberg und hatte bereits in den 1920ern als ganz junges Mädchen im Haushalt der Streisands angefangen, zunächst als Waschfrau, später als Haushälterin.

1935 hatte Blümi kündigen müssen, weil nach den Nürnberger Gesetzen „Juden weibliche Hausangestellte deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren nicht in ihrem Haushalt beschäftigen“ durften.

Gleich nach Kriegsende stand Blümi wieder bei Streisands auf der Matte. In den Fünfzigern fuhr sie jeden Tag von Kreuzberg nach Karlshorst um für „Krümel und Knopsi“ zu sorgen, meine Mutter und ihre Schwester.

Die Mädchen wuchsen heran und brauchten kein Kindermädchen mehr, Blümi wurde älter. Nun fuhren sie einmal die Woche von Karlshorst nach Kreuzberg um Blümi zu besuchen. Und dann gab es Kartoffeln mit Butter und Salz. Die Butter schmuggelten sie selber aus dem Osten, weil die im Westen viel teurer war. Manchmal waren Zollbeamte in der S-Bahn, erzählt meine Mutter, aber Kinder kontrollierten sie nie.

Am Sonntag, den 13. August 1961, hatten die Mädchen eigentlich auch zu Blümi fahren sollen. Aber Knopsi lag mit Mumps im Bett, und Krümel war noch zu klein um allein zu fahren. Und dann klingelte Esther aus Knopsis Klasse und sagte: „Habta schon jehört? Die Mauer is zu!“ Knopsi war völlig verzweifelt. Sie dachte, es wäre ihre Schuld. Sie dachte, wenn sie nur ganz schnell gesund würde, wäre die Mauer vielleicht wieder weg.

Im Nachlass meiner Großmutter habe ich einen Brief von Blümi gefunden, der einem schier das Herz brechen möchte, geschrieben im Winter 1962/63, dem härtesten des Kalten Krieges. Nicht nur ihre Ziehenkelkinder waren hinter der Mauer, sondern auch ihr Sohn, der in Sachsen lebte.

Berlin, den 16.1.63

Meine liebe Frau Heiden!

Auch Ihnen will ich sehr lieb danken für die lieben Wünsche und die schönen warmen Handschuhe. Bei der Kälte tun sie mir gute Dienste und wärmen auch sehr schön und vor allem passen sie richtig.

Nun bin ich 83 Jahre alt geworden und oftmals bin ich doch so müde, möchte sterben, aber trotzdem möchte ich doch alle meine 3 Karlshorster noch einmal wiedersehen. Heute bin ich aber doch wieder sehr traurig und glaube nicht, das ich es erlebe, ich bin zu alt geworden, habe keine Zeit mehr zu warten. Lieb ist es von Ihnen wie Sie an mich denken und die Herzen der Kinder lenken die Blümi nicht zu vergessen. Das Bild von Knopsi ist mein Glück und brachte mir besondere Freude ins Haus. Über Krümels Arm bin ich doch beunruhigt, hoffentlich streckt sich der Arm und wird alles wieder gut.

Strengen Sie sich nur nicht zu sehr an, schonen Sie sich für unsere beiden Mädels denn besonders Mädels brauchen doch besonders die Liebe der Mutter.

Bei mir ist es auch sehr kalt, mein Schlafzimmer heize ich 2x die Woche denn mit den Kohlen muss man ja einteilen denn die sind sehr knapp. Besonders grausam ist es ja, bei der Kälte zur Toilette zu gehen über den Hof, das Wasser ist abgesperrt wegen einfrieren. Man braucht hinterher immer noch einen Eimer Wasser zum nachspülen. Na aber auch die schwere Zeit wird vorüber gehen.

Von meinem Sohn bekomme ich regelmäßig Nachricht, er ist trotz der Kälte, die im Erzgebirge wütet ganz zufrieden, blos die Trennung lastet auch auf sein Gemüt. Alle Jahre kam er zu meinem Geburtstag zu mir und nun war es zweimal nicht möglich. Ja wenn ich jünger wäre, brauchte man nicht drüber nachzudenken. So aber muss man doch wissen, das jeder Tag den ich noch erlebe ein Geschenk ist.

Ach nun muss ich aber aufhören, denn wenn man dran denkt wird man immer trauriger und man kann nichts dran ändern.

Doch nun liebe Frau Heiden nochmals herzlichen Dank für alles, besonders für Ihre Liebe.

Herzlich grüßt Sie in alter Treue

Ihre Blümi deren Gedanken

Alle Tage bei Ihnen sind.

P.S. Wenn Sie Puder brauchen bitte melden.

Blümi bekam eine neue Wohnung. Zu ebener Erde, mit Toilette und Zentralheizung.

Begegnet sind sich Blümi und die Karlshorster danach nur noch ein paar Mal. Zu den Passierscheinabkommen. Sie starb ganz alleine. Keiner von den Streisands im Osten durfte zur Beerdigung. Weil sie nicht zur Familie gehörte.



Das Foto ganz oben zeigt Blümi in ihrer neuen Wohnung. Mit den Fotos der drei Karlshorster an der Wand.

Am Samstag, den 3.2.2018 veröffentlichte die Berliner Zeitung in der Rubrik „Berliner Ensemble“ eine gekürzte Version dieses Textes, weil die Mauer an diesem Wochenende so lange weg ist, wie sie stand.

Zuerst erschien die Geschichte in meinem Roman „Im Sommer wieder Fahrrad“ (Ullstein 2016), der seit Januar 2018 auch als Taschenbuch erhältlich ist (In meiner Augenfarbe! Für nur 10 Euro! Mit 253 Gramm!!!)

2 comments

Matthias jaß 16. März 2018 at 14:22

Tränen! Nicht gelacht. Danke, und nun muss ich schnell das Buch kaufen!

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leastreisand 16. März 2018 at 14:48

Ach danke. Für beides.

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