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In der Volksbühne brennt wieder Licht

written by leastreisand 13. November 2017

Chris Dercon eröffnet mit Museumsstücken und ist vom Haus überfordert.

Es ist ja nun wahrlich kein Geheimnis, dass ich der Volksbühne von Frank Castorf mehr als eine Träne nachgeweint habe. Die politische Entscheidung des Intendantenwechsels kotzt mich nach wie vor an. Gegen Chris Dercon persönlich habe ich nichts, ich hab seine Arbeiten ja noch nie gesehen.

Deshalb wollte ich letzten Freitag nun mal gucken. Wie es Tante Volksbühne geht, wenn im Foyer und allen Gängen gespielt wird. Performances von Tino Seghal, zwischendrin Beckett. Naja.

Der Abend beginnt mit Lichterflackern zu lauter werdender Bassmusik im Foyer und den Gängen. Die Volksbühne als Spukhaus. Kann man machen. Im großen Saal sind jetzt Stufen im Zuschauerraum. Wir sitzen auf dem Boden. Mal wieder. Alle um mich herum kritzeln in Notizbücher. In meinem steht: „Menschen, die in Notizbücher kritzeln.“

Konzentrationsraum Bühne

Die Musik wird sehr laut, das Licht sehr hell. Dann ist es vorbei. Wir müssen wieder raus aus dem Saal.
Ein Theatersaal ist ein Konzentrationsraum. Die Akustik, das Licht, die Bühne, der Schnürboden. Alles ist so gebaut und konzipiert, dass die Zuschauer, sitzend im Parkett, möglichst genau mitkriegen, was vorne auf der Bühne passiert.

In den Pausen sind die Zuschauer selber Akteure. Sie flanieren durchs Foyer und die Gänge, zeigen sich, klimpern mit den Diamanten.

Das entscheidende ist aber, dass die Vorräume eines Theaters keine Konzentrationsräume sind, sondern Räume der Zerstreuung. Mit Nischen und Ecken und diffuser Akustik, dass man nur den versteht, der genau vor einem steht.

Es ist Quälerei, die blutjungen Schauspieler in den Seitengängen Monologe sprechen zu lassen, die eigentlich für Kunstausstellungen gemacht wurden, Orte der Stille, konkret für die Tate Modern, Dercons letzte Arbeitsstelle.

Interaktionskunst, och nee.

Oben im ersten Stock stellen sich einem Schauspieler in den Weg und wollen über Marktwirtschaft diskutieren.

„Och nee“, sage ich, „ich würde viel lieber konsumieren.“ Der freundliche junge Mann vor mir ist Anfang zwanzig und will meine Meinung wissen. Interaktionskunst eben.

„Uff“, sage ich, „naja vor allem haben, glaube ich, viele Leute Angst, dass jetzt mit Chris Dercon die Marktwirtschaft an der Volksbühne Einzug hält. Unter Castorf war das ein geschützter Raum, in dem Sachen ausprobiert werden konnten und jetzt stellt der Kunsthändler Chris Dercon hier Museumsstücke aus.“

„Unter wem?“, fragt der junge Mann.

„Frank Castorf?“, sage ich, „Vor fünf Monaten? Großer Theaterskandal.“ Er guckt mich verständnislos an. Wenn das gespielt ist, dann überragend gut.

„Ich bin nicht aus Berlin “, sagt er entschuldigend.

„Is egal“, sage ich und gehe aufs Klo.

Meditationsraum Toilette

Ich liebe ja gute Toiletten. Funktionale und gleichzeitig meditative Räume, in denen man auch in der Öffentlichkeit kurz zu sich selbst zurückfinden kann.

Ich spiele drei Runden Tetris auf meinem Handy. Das beruhigt mich immer so schön. Irgendwann geht das Licht im Klo aus, weil ich mich nicht bewegt habe. Ich könnte auch einfach hier sitzen bleiben, denke ich, und keiner würde es merken.

Draußen läutet es. Der große Saal ist jetzt bestuhlt. Die guten alten Plastestühle! Zum Glück sind sie nicht ganz so rückenfeindlich wie die Dinger in der letzten Spielzeit. Zumindest das hat sich verbessert. Ich setze mich oben in die drittletzte Reihe.

Die Bühne ist schwarz, dann geht das Licht aus. Ganz aus. Auch die Notleuchten. „Das hat Peymann schon 72 in Salzburg gemacht“, flüstert jemand neben mir.

Plötzlich ein rotes Lämpchen auf der Bühne. Eine dünne Stimme spricht sehr schnell einen Monolog. Ich verstehe kein Wort. Irgendwann erkenne ich, dass das Lämpchen ein roter Mund ist, wie im Intro der Rocky Horror Picture Show. Später erfahre ich, dass das die Originalanweisung von Beckett war, seine Einakter genau so zu spielen, wie Anne Tismer sie hier darbietet. Aber warum machen sie denn keine Videoübertragung dieses Mundes? Wenn man die Lippenbewegungen wenigstens sehen könnte, dann könnte man vielleicht auch den Text verstehen!

Wie Theater AGs zu Schulzeiten

Es gibt noch zwei weitere, ähnlich mühsam inszenierte Beckett-Einakter. Dann haben wir es geschafft. Müder Applaus und einzelne Buhrufe. Dann kommen die Performer, räumen die Stühle weg, bewegen sich rhythmisch durch den Raum, singen im Chor, erzählen Geschichten. Wie in meiner Theater AG zu Schulzeiten.

An der Wand hinter mir lehnt mit verschränkten Armen ein Bühnentechniker. Er trägt ein T-Shirt mit Räuberrad, dem Symbol der alten Volksbühne.


Der  Text erschien am 13.11.2017 gekürzt unter dem Titel Spukhaus Volksbühne auf radioEINS als Kolumne in der Reihe „war schön jewesen“.

2 comments

Wildes Mädchen 13. November 2017 at 17:43

Ach Lea, schön haste das erzählt ;).

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Tihana Kljaic 14. November 2017 at 7:56

Ja, die geilsten sind die Mitarbeiter, die so selbstverständlich mit den t-Shirts „räuberrad und kritische Masse herumlaufen“

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